Möchtegern und Einfachtun

Es waren einmal zwei Weggefährten. Der eine hiess Möchtegern, der andere Einfachtun. Beide waren unterwegs zur Hauptstadt des Landes Leben, die Erfüllung heisst. Sie hatten sich zufällig kennen gelernt, als Möchtegern Einfachtun dabei beobachtete, wie er etwas gut und gerne machte und dabei Erfolg zu haben schien. So gesellte sich Möchtegern zu Einfachtun und fragte ihn: „Wollen wir ein Stück gemeinsam gehen?“ Da antwortete ihm Einfachtun: „Warum nicht? Vielleicht können wir noch etwas voneinander lernen.“

So gingen die beiden auf dem Weg nach Erfüllung nebeneinander her und erzählten sich gegenseitig, was sie auf ihrer Wanderschaft schon alles erlebt hatten. Einfachtun begann: “Ich habe vieles ausprobiert. Als ich dann herausfand, dass ich dieses Bestimmte gut mache, hörte ich auf nach anderen Dingen zu suchen. Ich versuchte mich immer wieder darin und merkte, dass es mir und anderen zudem Freude bereitete. Dies wiederum bestärkte mich auf dem Weg nach Erfüllung und gab mir die nötige Energie durch zu halten. Aber sag mir mal, Möchtegern, wie ist es dir auf deiner Reise ergangen?“

Möchtegern räusperte sich und begann: „Auch ich habe einmal herausgefunden, was ich gut kann. Aber das war nicht das, was ich eigentlich wollte. Kurz vor meiner Entdeckung hatte ich jemanden beobachtet, der genau das gleiche, dieses Bestimmte, so gut macht wie du. Und das wollte ich auch können, das möchte ich gerne tun!“ „Nun,“ meinte Einfachtun, “dann tue es doch einfach!“ “Aber ich weiß nicht wie!“ erwiderte Möchtegern. Einfachtun zog verwundert seine Augenbrauen hoch und sagte dann zögernd: „Ähm, ich kann es dir ja mal erklären. Es ist eigentlich ganz einfach!“

Einfachtun begann nun Möchtegern das Bestimmte genau zu beschreiben. Wie er damit zu beginnen, darin fortzufahren und es zu beenden hat. Möchtegern hatte viele Fragen, die Einfachtun ihm geduldig beantwortete. Schliesslich meinte Einfachtun: „Jetzt ist es an der Zeit, dass du das Bestimmte tust!“ “Meinst du wirklich?“ erwiderte Möchtegern unsicher.

Als Möchtegern merkte, dass es Einfachtun ernst meinte, begann er das Bestimmte zu tun. Zögerlich und genau nach Anleitung von Einfachtun absolvierte er es Schritt für Schritt. Seine Gesichtszüge blieben sehr ernst und konzentriert. Keine Freude erhellte seine Miene. Viel mehr begann er nach einer Weile zu taumeln, stürzte zu Boden, schlug sich dabei die Nase wund und blieb gekränkt im Schatten von Einfachtun liegen. Während der ganzen Aktion von Möchtegern musste sich Einfachtun ein Schmunzeln verkneifen und auch die Vorübergehenden schauten Möchtegern belustigt und mit einem leichten Kopfschütteln zu.

Möchtegern wäre am Liebsten liegen geblieben, so sehr schämte er sich. Nach einer Weile sagte Einfachtun: „He, Möchtegern! Stehe auf und zeige mir, was du gut kannst.“ Als sich schliesslich Möchtegern aufgerappelt und seine blutige Nase mit einem sauberen Taschentuch abgewischt hatte, bemerkte er: „Nein, mein lieber Einfachtun, das ist nichts Spektakuläres, das möchtest du gar nicht sehen!“ „Na hör mal, Möchtegern, noch bestimme ich selber, was ich gerne sehe und was nicht!“ erwiderte Einfachtun schon fast ein bisschen beleidigt. „Komm schon! Zeige es mir doch einfach mal!“

Auch dieses Mal schien es Einfachtun ernst zu meinen. Also begann Möchtegern mit seinem Bestimmten, was er sehr gut konnte. Er brauchte dabei nicht lange zu studieren, wie er es anzustellen hatte, sondern es floss einfach so aus ihm heraus. Und mit der Zeit schlug die anfängliche Widerwilligkeit in Freude um. Nun schien er förmlich über die Strasse nach Erfüllung zu schweben. Dabei bemerkte er gar nicht, dass die Gesichtszüge von Einfachtun von anfänglicher Freude über massloses Staunen in große Bewunderung umschlug. Auch viele Vorübergehende blieben stehen und schauten ihm bewundernd zu. Als er schliesslich geendet hatte, erwachte er von seinem Tun unter tosendem Applaus der Umstehenden. Auch wenn Einfachtun überrascht zu sein schien, niemand war überraschter als Möchtegern selbst über die Auswirkungen seines Tuns. Tränen traten in seine Augen und langsam schien er zu begreifen, dass dieses Bestimmte SEIN Bestimmtes wahr! Einfachtun umarmte ihn voller Freude und flüsterte ihm dabei ins Ohr: „Du lieber Mann, weisst du eigentlich welchen Schatz du bis jetzt der Welt vorenthalten hast? Dein Schatz – Deine Bestimmung!“

Als sich alles wieder beruhigt hatte und jeder wieder seines Weges zog, unterhielten sich Möchtegern und Einfachtun weiter. Dabei bemerkte Einfachtun: “Zwei Dinge können wir daraus lernen: „Ich habe gelernt, dass ich andere ermutigen muss ihre eigene Bestimmung zu finden, um dann zu sehen wie die Welt sich durch sie verändern kann. Und…“, Möchtegern schnitt ihm das Wort ab und setzte denn Satz fort:“…ich habe gelernt, dass ich nicht andere nachäffen muss, um der Welt das zu geben, was ich zu geben habe. Ich muss nur das tun, was mir in die Wiege gelegt wurde….“ und augenzwinkernd und eine Freudeträne verkneifend fügte er hinzu: „…denn das kann ich offenbar brilliant!“ Die beiden schauten sich an und mussten beide lauthals lachen.

Möchtegern und Einfachtun erreichten beide zusammen die Stadt Erfüllung. Beide leben noch heute dort und sind nun gute Freunde geworden. Man munkelt, Möchtegern hat seinen Namen geändert. Möchtegern heisst jetzt Tuegern!

Stefan Wanzenried / 10.05.2017

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