Der Wegbereiter

Ein zerzauster Mann, den Stecken in der Hand,
kam aus der Wüste in das fruchtbare Land,
das einst Kaleb und Josua mit Siegesgeschrei,
einnahmen, aufdass es Gottes Land sei.

Am Jordan nahm er einen Schluck kühles Nass,
und sprach zu der Menge, betroffen und blass;
„Macht eben die Hügel, erhöhet das Tal!
Bereitet den Weg unsres Herrn allzumal!

Was krumm wird gerade, was uneben wird flach!
Seid ehrlich! Bekennt eure Schuld, eure Schmach,
Lasst euch taufen von mir mit Wasser im Fluss,
abwaschen eure Sünden, wie Staub und Russ!

Ihr Heuchler, Pharisäer, ihr Schlangenbrut!
Wenn ich euch sehe, brennt in mir die Wut.
Ihr haltet euch für weise. Hochnäsig seid ihr!
Geld, Religion und Ehre ist eure Gier!

Denkt nur nicht, weil Abraham euer Vater ist,
passiert euch nichts und dass ihr’s wisst:
Gott hat die Axt schon an die Wurzel gelegt,
fruchtlose Gewächse werden ins Feuer gefegt!

Der nach mir wird taufen mit Feuer und Geist!
Sein Leben, sein Sterben Gottkindschaft erweist!
Ich bin nicht wert, zu binden sein Schuh!
Doch er will mit uns sein auf Du und Du!

Die Worfschaufel steht auf seiner Tenne bereit,
zu trennen den Weizen von Spreu zur Zeit,
die Gott festgelegt hat nach seinem Plan!
Die Spreu wird verbrannt! Das geht dich was an!“

Nach Predigt und Taufe zog er davon
in die Wüste, wo Hitze und Hunger droh’n.
Sein Essen war karg, doch es genügte ihm.
Heuschrecken und Honig ihm schmackhaft schien.

Die Stimme aus der Wüste sprach weise und klug,
die Hoffnung auf den Einen sein Wesenszug.
Und Segen erwirkte er in viele Leben,
weil Gott ihn brauchte, um Hoffnung zu geben.

In der Öde, im Alleinsein fand er Kraft genug,
zu machen, was in seinem Herzen schlug.
Getrieben von Gottes gutem Geist:
sein Leben, sein Wirken auf Jesus hinweist!

Gestärkt in der Stille, kam er wieder zur Menge,
dass sich am Jordan zur Taufe drängte.
Da sprach ein Zimmermann zu ihm dieses Wort:
„Johannes! Taufe mich an diesem Ort!“

Doch Johannes erkannte den besonderen Mann
und sprach: „Ich hab’s wohl eher nötig dann
von DIR getauft zu werden, du kommst zu mir?“
„Dein Auftrag, Johannes! Gott will es von dir!“

So geschah es, dass Johannes ihn taufte im Fluss
im Wissen, dass dies nun so geschehen muss
und kaum war Jesus aus dem Wasser gestiegen,
kam auf sein Haupt eine Taube zu fliegen!

Eine laute Stimme sprach nun vom Himmel,
mitten hinein ins Menschengetümmel:
„Dies ist mein lieber einziger Sohn,
mein Wohlgefallen nun auf ihm wohn‘!“

Nach diesem Erlebnis zog Johannes weiter
mit seinen Jüngern, er war ihr Leiter
und predigte stets dem Volk von Busse,
und tat seinen Auftrag mit Eifer, mit Musse.

Sie hörten nun viel von Jesu‘ Taten.
Manch‘ Stunde waren sie am beraten:
„Ist er der Messias? Oder eher nicht?“
Auf die Klärung dieser Frage waren sie erpicht.

Johannes predigte nicht nur für einfache Leute.
Er kam vor den König, wo er sich nicht scheute
Unrecht, das vorhanden, beim Namen zu nennen,
dabei konnte er sich keinerlei Freunde gewinnen!

Herodias war Eine, der es nicht passte,
dass Johannes sich mit Ihrer Ehe befasste
mit Herodes, dem Herrscher über Stadt und Land.
Drum nahm sie sein Schicksal in ihre Hand.

Als Johannes schliesslich im Kerker steckte,
die eine Frage seine Sehnsucht weckte,
zu wissen, ob Jesus der Verheissene war.
Die Jünger brachten sie Jesus dar:

„Bist du der Messias, der Friedefürst?
Das Lamm von Gott, dass du für uns wirst?
Oder sollen wir auf einen anderen warten?
Bist du der, auf den wir schon lange harrten?“

Jesus sprach friedvoll zu Johannes‘ Läufer:
„Geht hin und gebt Antwort dem fragenden Täufer,
was ihr hört und seht in diesen Tagen!
Da erübrigen sich wohl solche Fragen!

Aussätzige werden rein, Blinde sehen,
Taube hören, Lahme gehen,
Tote stehen auf zu neuem Leben!
Sich an mir nicht zu ärgern sei euer Streben!“

Herodes feierte sein Geburtstags-Feste,
die Tochter der Herodias, als besondere Geste
tanzte für den König einen Ehrenreigen,
um ihre Ehrerbietung ihm zu zeigen!

Das gefiehl Herodes derart prächtig,
dass er ihr schwur, seines Wortes kaum mächtig:
„So wahr ich lebe, ausser dem Thron
nimm, was du willst, als gerechten Lohn!“

„Bring, Herodes, mir auf einer silbernen Tafel
den Kopf des Täufers, so hat dieses Geschwafel
von Gott und Sünde und Busse behende
ein schnelles und todsicheres Ende!“

Da ging der Henker in Johannes‘ Zelle
und schlug sein Haupt ab in der Schnelle
und wurde den Rächern dann vorgeführt.
Sie waren darüber kein bisschen gerührt!

Nun zeugte Jesus von Johannnes‘ Wirken:
„Eines solltet ihr euch über ihn merken:
Kein Mensch wird jemals bedeutender sein,
als Johannes, der Täufer, Vorläufer mein!

Und doch werden die Geringsten in Gottes Reich
grösser sein als er – oder gleich!“
Die an Jesus glauben und ihn bezeugen,
wird er im Gericht auch nicht verleugnen!

Johannes war Täufer, war Wegbereiter,
Johannes sah das Jetzt und auch schon weiter.
Johannes, gehorsam dem Auftrag bis ans Ende,
Wie er es schaffte? Er hatte seine Gründe!

Stefan Wanzenried / 2001 (überarbeitet 2015)

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