Wiland, der Schreckliche

Simon Reif starrte versteinert auf sein Telefon. «WILAND» wurde in grossen Lettern angezeigt. Reif wurde von einer Gedankenlawine mitgerissen, nachdem sich diese sechs Buchstaben wie Freerider in einen tiefverschneiten Abhang seinter Netzhaut gestürtzt hatten. Wiland! Der oberste Boss hat ein IT-Problem. Wieso gerade ich? Hat Mike wieder mal seine Nummer auf nicht bereit, typisch. Soll ich abnehmen? Ich könnte ja beschäftigt tun und durchläuten lassen. Nein, einmal musste es ja so kommen. Ich kann nicht immer kneifen. Hey, Simon, du bist 45. Hast du Angst?

Reif wurde von einer Gedankenlawine mitgerissen, nachdem sich diese sechs Buchstaben wie Freerider in einen tiefverschneiten Abhang seinter Netzhaut gestürtzt hatten.

„Guten Tag, Sie sprechen mit Reif, IT Services, wie kann ich Ihnen helfen?“ „Guten Tag, Herr Reif, hier ist Wiland. Ich habe ein kleines Problem.“ „Ah, Herr Wiland, freut mich. Schiessen Sie los. Ich helfe, wo ich kann.“ Reif merkte, wie das Blut in den Kopf schoss, als er seinen Bluff bemerkte. „Danke!“ Wiland räusperte sich. „Ich habe kürzlich von der IT das neue iPhone erhalten. Es hat alles funktioniert. Bis gestern. Ich wurde aufgefordert ein neues Passwort zu vergeben und als ich dies auf dem iPhone im Mail anpassen wollte, war auf einmal das Mail-Konto nicht mehr vorhanden. Ich weiss nicht, wie das passiert ist. Deshalb möchte ich Sie fragen, ob Sie es mir wieder einrichten können?“ Mist, wie geht das schon wieder? schoss es Reif durch den Kopf. „Selbstverständlich! Wann würde es bei Ihnen zeitlich gehen? Jetzt gleich?“ Hoffentlich nicht! „Nein, habe gleich eine Besprechung. Sagen wir um 15:30 Uhr?“ „Um 15:30 Uhr wird jemand bei Ihnen sein!“ „Besten Dank, Herr Reif, dann bis später!“ „Auf Wiederhören, Herr Wiland!“

Reif spielte mit dem Gedanken, einen seiner Kollegen für diesen Einsatz zu gewinnen.
„Hey Mike! Möchtest du dir Sporen abverdienen beim BigBoss? Hätte da eine Aufgabe für dich.“
„Nö Saimen, das kannste selber machen. Ich halte nicht schon wieder den Kopf für dich hin.“
Reif hasste es, wenn Mike seinen Namen in dieser Weise in übertrieben englischer Manier betonte. „Na dann halt nicht, hole ich mir die Lorbeeren ab“, bemerkte Reif schnippisch. Wo ist eigentlich der Chef? Das ist doch Chefsache? Er öffnete den Kalender. Mist, Amstutz ist weg bis vier Uhr.

15:25 Uhr: Reif öffnete die Bürotür. In der letzten Stunde hatte er jede Minute damit verbracht, Informationen zur Mailsynchronisation aufzusaugen. Zuerst die hauseigene Dokumentation studiert, dann mit Kollega Wunderfitz telefoniert und schliesslich im Internet Foren durchstöbert, was er besser unterlassen hätte. Denn es war von seltenen und manchmal unlösbaren Problemen die Rede. Die gehässigen Blicke seiner Kollegen, die nun vermehrt Anrufe annehmen mussten, ignorierte er.

Auf dem Weg zur Hinrichtung stellte er sich vor wie Wiland mit hochrotem Kopf auf einem blauen Zettel eine Notiz machte, während er in seinen Telefonhörer schrie: „Amstutz! Haben Sie eigentlich auch noch fähige Leute? Schicken Sie mir einen anderen.“ In seiner Hand das iPhone mit zersplittertem Display.

Reif wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er eine vertraute Melodie vernahm. „Father and Friend“ erklang aus dem Pausenraum, an dem er soeben vorbeirauschte. Er musste an seinen Vater denken, der ihm ein guter Freund war, solange er lebte. Er vermisste ihn. Schon als Kind hatte er viel Zeit im Büro seines Vaters zugebracht. Jedesmal, wenn Simon ihm von seinen Problemen erzählte, erhielt er guten Rat. Mit einer Kopfbewegung und einem „Du weiss ja…“ wies er ihn an, den Spruch zu lesen, der über seinem Tisch hing:

Den grössten Fehler, den man im Leben machen kann, ist immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.

D. Bonhoeffer

„Ich weiss, du packst das,“ sagte Vater jeweils mit einem freundschaftlichen Klaps auf seine Schulter.

Nun stand Reif vor Wiland’s schwerer Holztüre, klopfte dreimal an und wartete ab. „Herein!“ Reif trat ein mit dem Gedanken Du packst das! „Guten Tag, Herr Wiland.“ „Ah, Herr Reif, guten Tag! Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk! Das schätze ich. Muss in einer Viertelstunde schon wieder weiter. Aber Sie werden das im Nu erledigt haben. Kollege Meier hat mehr Ahnung von diesem smarten Begleiter als ich.“ Als er dies sagte, zwinkerte Wiland Reif zu, aber fuhr sofort fort, „Er konnte mir das Mailkonto soeben einrichten. Doch Sie sind nicht vergebens gekommen.“

Wiland stellte sich neben ihn und begann mit Fingerzeig aufs Display: „Meier hat mir zwar geholfen, aber er wusste nicht, welchen Ordner ich für die gesendeten Mails auswählen muss…, sehen Sie. Hier hat es einen Ordner der heisst „Gesendet“ und hier hat es einen Ordner „Sent Messages“. Welchen muss ich nun markieren, dass meine gesendeten Mails auf meinen PC und auf meinem iPhone am richtigen Ort erscheinen?“ Reif war sprachlos. Er hatte alles erwartet, aber niemals so eine einfache Frage. Erst tags zuvor war dieses Problem an ihn herangetragen worden und deshalb konnte er diese Frage ohne den leisesten Zweifel beantworten: „Sie müssen den Ordner „Gesendet“ auswählen. Sie erkennen es daran, dass dahinter in Klammer „Server“ steht. Alle Ordner, die mit Server gekennzeichnet sind, sehen Sie auch auf ihrem PC.“ „Ach, so einfach, eigentlich logisch, danke vielmals.“

Nun begann Wiland zu referieren über die Rechenleistung, die in diesem iPhone vorhanden ist und dass sie dem entspricht, was für die erste Mondlandung 1969 nötig war. Reif war körperlich anwesend und dachte nur Ach jetzt bringt er noch ein paar Müsterchen darüber, was er von der IT weiss… und nickte zu allem, was Wiland sagte.

Als er das Büro von Wiland verliess, blieb sein Blick an einem Spruch an der Wand hängen: „Den grössten Fehler, den man im Leben machen kann, ist immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“

Er schloss die Tür mit dem Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Als er erleichtert am Pausenraum vorbeischwebte, hörte er die Worte in Englisch: «Du wirst nicht allein sein, weil ich hier bin und dir beistehe bis du alles erledigt hast.» Ha! Father To Son, Phil Collins! schoss es Reif durch den Kopf. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Stefan Wanzenried / 11.03.2019

 

 

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