Ich bin, der ich bin

Der Tag kündigt sich verstohlen an. Die aufgehende Sonne blinzelt durch den Morgennebel. Es ist bitterkalt, als ich an diesem Wintermorgen über die Fahrbahn gleite. Doch in meinem Schwedenpanzer ist es warm und gemütlich. Das dumpfe Grollen des Dieselmotors gibt mir ein seltsames Gefühl von Sicherheit und Stärke. Der Verkehr rollt flüssig und das ermöglicht mir auf ein Lied zu achten, das bisher ein stiefmütterliches Dasein in meiner Playlist geführt hat.

Albert Frey, ein deutscher Musiker, bringt mich zum Nachdenken mit diesem Refrain:

Ich bin, der ich bin, das muss genügen.
Nicht mehr und nicht weniger, ich brauch‘ keine Lügen.
Es macht keinen Sinn mich selbst zu betrügen.
Ich bin, der ich bin.

aus dem Lied „Ich bin der ich bin“ von Albert Frey

Ich bin, der ich bin, dass muss genügen. Genügt mir das? Bin ich nicht die ganze Zeit auf der Suche nach meiner Bestimmung? Betrüge ich mich wirklich selber, wenn ich mich nach mehr Leben ausstrecke? Ist es denn falsch nach Höherem zu streben? Solche und ähnliche Fragen treiben mich um. Und damit bin ich nicht allein.

Ist „eine Bestimmung haben“ mehr Leben? Ich glaube: Ja.

Mir ist bewusst, dass in meiner Freundschaft zu Jesus alles beinhaltet ist, was ich brauche. Und doch gibt es einen Punkt in meinem Innern, der noch mehr sehen und erleben will, der sich sehnt nach Höherem. Und damit meine ich nicht die berufliche Karriereleiter, die Gleichaltrige so gerne besteigen und davon vereinnahmt werden. Auch nicht finanzieller Segen oder Erfolg bei Frauen (ich habe ja bereits eine ganz liebe und tolle Frau!). Trotzdem kann ich mein Verlangen nicht einordnen.

Letztes Jahr habe ich mein 50stes Lebensjahr vollendet. Die vermeintliche Abgeklärtheit der zweiten Lebenshälfte ist nicht an mir haften geblieben. Ich liebe die Spontanität der Jugendlichen…, aber bezeichne mich bitte nicht als spontan! Mich fasziniert der Mut eines Aussteigers, der all seine Brücken hinter sich abbricht, um ein neues Leben anzufangen…, aber wehe, wenn der Alltag nicht so läuft (vor allem der Feierabend), wie ich mir das vorstelle. Ich liebe Geschichten über Hinfallen und Aufstehen…, aber nicht bei mir selber. Und doch will ich die nächsten fünfzig Jahre nicht abgeklärt und der Norm entsprechend dahinvegetieren.

50 Jahre - und was nun? Papierzentimeter, der zerrissen ist

Unvermittelt muss ich an Dietrich Bonhoeffer’s Aussagen denken. Auch dieser grosse Vordenker hatte Fragen an sein Leben, als er im Gefängnis sass:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
….
Umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
….
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

(Auszüge aus „Wer bin ich“ aus: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung)

Ich verstehe ihn, Dietrich Bonhoeffer. Wer bin ich?

Auch ein scheinbar gescheiterter Grosser, der als Prinz von Ägypten einst alle Ehren eines Volkes auf sich vereinte, nun sich aber als Schafhirt vor einem brennenden Dornbusch wiederfand, stellte sich die gleiche Frage:

‚Und Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, daß ich zu dem Pharao gehen und daß ich die Kinder Israel aus Ägypten herausführen sollte? ‚
2. Mose 3:11
https://www.bible.com/bible/57/EXO.3.11

Mose hatte mit der Wendung in seinem vierzigsten Lebensjahr abgeschlossen. Wohl war er ein Prinz von Ägypten, doch der Mord an einem Volksgenossen hatte ihn zu einem Vogelfreien gemacht, der sich nun bei den Midianitern seit 40 Jahren Schutz suchte. Aber Gott hatte mit seinem Leben nicht abgeschlossen. Offenbar brauchte es die 2 mal 40 Jahre, um Mose zu dem demütigen, aber auch lebenserfahrenen Mann zu machen, den ER für einen der grössten Aufträge seiner Zeit brauchte.

Die Antwort von Gott auf den Einwand des 80-Jährigen zum Auftrag, das Volk Israel aus der ägyptischen Knechtschaft zu befreien, war so simpel, wie logisch (zumindest für Gott):

‚Und er sprach: Weil ich mit dir sein werde….
2. Mose 3:12
https://www.bible.com/bible/57/EXO.3.12

Vermutlich hat das Mose nicht erwartet: Wieso sollte Gott ausgerechnet bei ihm sein…, bei ihm, der einen Mord begangen hat…, bei ihm, der in einem fremden Volk Zuflucht gesucht hat…., bei ihm, der scheinbar auf ganzer Linie versagte…?

Doch obwohl Mose das Vorschuss-Vertrauen erhalten hatte, zweifelte er immer noch an seiner Sendung. Darum fragte der Flüchtling nun konkreter, wie Gott sich sein Auftreten nach 40 Jahren Absenz bei seinem Volk vorstellt. Wie soll er denn seine Leute von dem Auftrag überzeugen?

‚Und Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Kindern Israel komme und zu ihnen spreche: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie zu mir sagen werden: Welches ist sein Name? Was soll ich zu Ihnen sagen? Da sprach Gott zu Mose: Ich bin, der ich bin. Und er sprach: Also sollst du zu den Kindern Israel sagen: „Ich bin“ hat mich zu euch gesandt. ‚

2. Mose 3:13-14
https://www.bible.com/bible/57/EXO.3.13-14

Was ist wohl in Mose vorgegangen, als er diese Erwiderung vernahm? „Ich bin, der ich bin….. ‚Ich bin‘ hat mich zu euch gesandt.“ Vielleicht ist es ihm so gegangen wie mir, wenn ich heute manchen zeitgenössischen Philosophen in ihren Schriften versuche zu folgen: Ihre Gedankengänge bleiben mir verborgen. Zu Moses Zeiten wusste man sowieso noch nichts von der westlichen Philosophie, begannen dessen Vordenker, die Vorsokratiker, ihr Wirken doch erst um 600 v. Christus., also 600 bis 800 Jahre nach Mose’s Wirken. Und nun bezeichnet sich der Herr und Schöpfer des Universums mit diesem unerklärbaren Namen: „Ich bin„.

In dieser Bezeichnung hat es keinen Platz für die Frage „Wer bin ich?“. Dieser Name strotzt vor Selbstvertrauen und Selbsterkenntnis. Gott ist. Gott, der die Frage von uns Menschen „Wer bist du?“ duldet, aber die Antwort dem Fragenden nicht in einer kurzen Antwort, sondern im Erleben Seines Seins in ihm gibt.

Auch Mose wäre es wohl lieber gewesen, wenn Gott ihm einen „normalen“ Namen genannt hätte, beispielsweise Adonai…. oder El Rafa… oder einer der vielen anderen Gottesnamen, die wir heute kennen. Aber Gott will sich nicht durch einen einzigen Namen einschränken und begrenzen lassen. Denn jeder Name Gottes zeigt nur einen Teilaspekt der Göttlichkeit auf.

Wollte vielleicht Gott Mose klar machen, dass die Antwort auf seine Frage „Wer bin ich, dass…“ nur im göttlichen „Ich bin“ liegen kann? Das reicht. Gott begleitet Mose mit allem, was IHN ausmacht…., und das ist ziemlich viel. „Ich bin“ lebt in „Wer bin ich, dass…“!

Ich bin, der ich bin – das muss genügen. Wenn der grosse „Ich bin“ in mir lebt, kann ich mit ihm sagen: Ich bin, der ich bin. Und mit IHM nach Grösserem streben…. oder es sein lassen, ganz so, wie ich ticke. ER hat mit meinem Leben noch nicht abgeschlossen. Das muss mir wirklich genügen.

Und mit Bonhoeffer kann ich sagen:

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Upps…, jetzt hätte ich fast die Autobahn-Ausfahrt verpasst…!

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Wie gehst du mit der Frage „Wer bin ich?“ um? Was löst sie in dir aus? Bin gespannt auf deine Antworten.

Stefan Wanzenried / 03.03.2018

3 Gedanken zu „Ich bin, der ich bin

  1. Ich bin ein Sandkorn am Strand, ein Stäubchen auf der Erde, ein winziger Stern im Universum.
    Ich bin aber auch eine Königstochter, wertvoll und geliebt vom Allerhöchsten und zukünftig wohnhaft im Himmelreich 👑

    1. Vielleicht ein Sandkorn…, aber was für ein schönes! Ein Stäubchen auf der Erde? Aber sicher nicht unbeachtet. Ein winziger Stern im Universum? In meinem Universum einer der Grössten! 😉 Danke für deinen Kommentar!

  2. Hey, du der du bist.
    Wer bin ich? Ich bin ich und stelle mir diese Frage kaum. Aber du hast recht wer bin ich?
    Ich definiere mich sebst über mein Handeln, tun oder lassen.
    So denke ich über die Frage nach.

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