Ich sitze im Sturm

Der Regen prasselt auf das lichtdurchlässige Plastikdach des Gartenhauses. Ein Blitz erhellt den wolkenverhangenen Nachthimmel und Sekunden später stellt ohrenbetäubender Donnerschall seine ganze Macht unter Beweis. Mein Oberkörper vibriert. Ab und zu windet es mir Regentropfen ins Gesicht und trüben die Sicht meiner Brillengläser. Die Bäume biegen sich ob der Kraft der orkanartigen Böen, welche auch an dem Gefüge meiner temporären Behausung zerren. Regen zieht peitschend wie rauchähnliche Gischt über das Dach des Wohnhauses hinunter in den Garten. Die  Feuersäule habe ich vor dem Sturm entzündet. Nun qualmt sie stark ein paar Meter vom schützenden Dach entfernt, als ob Winston Churchill an einer Havanna einen Zug genommen hat und diesen genüsslich in den Sturmwind bläst. Nun muss das Feuer nicht nur das Holz verzehren, sondern gleichzeitig noch dem niederprasselnden Regen trotzen. Aber die Glut behält die Oberhand.

Ich sitze im Sturm. Nicht im rundum schützenden Haus, sondern in der Gartenlaube bei einem heftigen Sommergewitter. Ob ich Angst habe? Nein. Aber ehrfürchtiges Staunen erfühlt mich. Ein Staunen über die nicht zu kontrollierende Macht der Elemente, die mich umgeben. Eigentlich liebe ich es, mich der Kraft der Natur auszusetzen.

Doch nun ruft mir meine Frau durch den Sturm vom Wohnhaus her zu, dass es in unserem Büro keinen Strom mehr hat. Ein FI-Schutzschalter wurde durch irgendeine Überspannung in die Knie gezwungen…, wie es sein sollte, doch er lässt sich auch nicht mehr reaktivieren.  Betroffen: Internet, TV, Telefon… und meine beiden Frauen (Ehefrau und Tochter)  allein zu Haus! Der Gatte sitzt im Regen, zumindest fast! Sie lässt mich wissen, dass ich mich später darum kümmern kann, es sei nicht so schlimm! Das nenne ich vorbildliches Krisenmanagement. Ich wäre nach dem kurzen Gang ins Haus wohl bis auf die Unterhosen nass…., aber nun kann dieses Problem warten.

Ich lasse meine Füsse wieder in mein immer noch lauwarmes Fussbad gleiten und freue mich über die Weisheit und Güte meiner Liebsten. DA – ein Blitz – ein ohrenbetäubender Knall folgt! Ich zucke zusammen.

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Die Situation malt mir ein allzu bekanntes Bild vor Augen.

Manchmal sitze ich im Sturm des Lebens fest.

Der Sturm ist im Anzug und kündigt sich mit Donnergrollen an…., vielleicht eine Umstrukturierung in der Firma, wo Jobs gestrichen werden? Die ersten Regentropfen fallen…., Arbeitskollegen erhalten ihre Kündigung. Und dann entlädt sich das Gewitter in Blitz und Donner…, auch ich halte auf einmal, ohne Vorahnung, den blauen Brief in Händen und stehe ohne Job auf der Strasse. Der nachfolgende Intensivregen zeichnet sich durch Stellensuche, RAV und Existenzängste aus. Und ich kann mich all diesen Begebenheit nicht entziehen, mich ihnen wiedersetzen.

Vielleicht ist es bei dir eine ungewollte Schwangerschaft von dem Liebsten, der dich soeben noch in Armen hielt. Als dieser von dem werdenden Leben erfährt, lässt er dich fallen wie eine heisse Kartoffel und will nichts mehr mit dir und seiner Hinterlassenschaft zu tun haben. Er wird wohl für dessen Unterhalt aufkommen, möchte aber nicht gebunden sein. Es blitzt und donnert in deiner Existenz. Zu allem Übel sind da noch die Vorwürfe der Eltern und Freunde, die dich „ja schon immer vor diesem Kerl gewarnt haben“…. und es peitscht wie Sturmregen in dein Gesicht. Und deine Vorstellungen eines harmonischen Familienlebens für den Rest deiner Tage scheinen zu erlöschen…, keine Glut mehr, die dich wärmt!

Vielleicht ist es aber etwas ganz anderes, dass dein Leben prägt oder geprägt hat. Ein Unfall, ein Todesfall oder eine Krankheit. Letzteres war 33 Jahre meines Lebens mein Los. Es war nicht immer einfach und mein Minderwert hatte in diesem Sturm einen wunderbaren Nährboden. Aber dieser Sturm hat sich wie durch ein Wunder gelegt.

Irgendwann hat mich ein Buch daran erinnert, dass ich ein anderes Fundament in meinem Leben hätte, auf das ich bauen kann, einen stabilen Untergrund. Vermutlich habe ich mich zuwenig darauf verlassen. Doch mit der Hilfe von Freunden vertraute ich meine ganze Sorge diesem Fundament an – Gott! Und ER hat geholfen.  Nun ist dieser Sturm der Krankheit schon seit 18 Jahren Vergangenheit.

Heute morgen lese ich in der Bibel nun diesen Vers:

„Wenn ein Sturm aufzieht, wird der Gottlose mit fortgerissen; aber wer Gottes Willen tut, der steht auf festem Fundament.“
‭‭Sprüche‬ ‭10:25‬ ‭HFA‬‬

Und mein Inneres nickt, ich kann mich nicht dagegen wehren: „Jawohl, so ist es!“

Wie immer DEIN Sturm aussieht…, ich habe dir keine billige Lösung zu bieten. Ich kann nicht ermessen, wie du leidest in deinem Sturm. Aber ich wünsche dir ein Fundament, das trägt…, das DICH durchträgt. Und Freunde, die mit dir durch den Sturm gehen. Gib nicht auf! Lass dich nicht fallen. Suche nach dem Fundament, das dich trägt. Suche den Hafen, der dir Schutz bietet.

Gotthold Ephraim Lessing, ein Dichter der deutschen Aufklärung, soll einmal gesagt haben:

Besser ist es, sich vom Sturm in den ersten besten Hafen werfen zu lassen, als in einer Meeresstille mitten auf der See zu verschmachten.
Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781)

Hatte er nicht recht? Wünschen wir uns manchmal nicht ein geruhsames, sturmfreies Leben und sterben dann beinahe vor Langeweile? Wieviel besser ist es, in einen sicheren Hafen geworfen zu werden.

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Eine Stunde später. Beruhigend rieselt sanfter Landregen auf das Dach der Gartenlaube. Der Wind hat abgeflaut. Weder Blitz noch Donner stören die nächtliche Ruhe. Es ist ein leises Plätschern vom Dachkännel her zu hören. Das Feuer knistert wohltuend vor sich hin. Die Wärme der Feuersäule breitet sich erneut aus und belebt meinen Geist.

TV, Telefon und Internet haben sich wieder zu uns gesellt. Ich konnte die Fehlerursache relativ schnell eruieren und beheben. Nun geniesse ich die Frische nach dem Gewitterregen kombiniert mit der Wärme, die mich umgibt. Wie schön es doch ist, wenn man einen Sturm überstanden hat und keine Angst vor dem nächsten haben muss.

Stefan Wanzenried / 08. August 2018

2 Gedanken zu „Ich sitze im Sturm

  1. Da fällt mir nur folgendes Gedicht dazu ein:
    Abb

    Spuren im Sand

    Eines Nachts hatte ich einen Traum:
    Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
    Vor dem dunklen Nachthimmel
    erstrahlten, Streiflichtern gleich,
    Bilder aus meinem Leben.
    Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
    meine eigene und die meines Herrn.

    Als das letzte Bild an meinen Augen
    vorübergezogen war, blickte ich zurück.
    Ich erschrak, als ich entdeckte,
    daß an vielen Stellen meines Lebensweges
    nur eine Spur zu sehen war.
    Und das waren gerade die schwersten
    Zeiten meines Lebens.

    Besorgt fragte ich den Herrn:
    „Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
    da hast du mir versprochen,
    auf allen Wegen bei mir zu sein.
    Aber jetzt entdecke ich,
    daß in den schwersten Zeiten meines Lebens
    nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
    Warum hast du mich allein gelassen,
    als ich dich am meisten brauchte?“

    Da antwortete er: „Mein liebes Kind,
    ich liebe dich und werde dich nie allein lassen,
    erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
    Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast,
    da habe ich dich getragen.“

    Von
    Margaret Fishback Powers

    Danke dir Stefan Gruss N

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